Sarah Weidinger als Anna (Bildmitte) bringt gemeinsam mit dem Ensemble ein absolut sehenswertes Stück in die Helfenberger Kulturfabrik.

Foto: Reinhard Winkler

Grandioses Premieren-Wochenende in Helfenberg

Eine berührende Geschichte, fabelhafte Darsteller und beeindruckende Bilder: Mit diesen Zutaten hat das Musical "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" am Premieren-Wochenende das Publikum in seinen Bann gezogen. Zu sehen gibt es das Stück im Theater in der Kulturfabrik in Helfenberg noch bis einschließlich 16. August.

Wenn ein kleines, feines Sommertheater ein bis dato unbekanntes Musical auf die Bühne bringt, ist zweifelsohne ein gewisses Risiko im Spiel: Geht die Geschichte auf, erreicht sie ihr Publikum? Im Fall von Helfenberg gilt heuer: Ja, und wie! 

Was in der Kulturfabrik gezeigt wird, ist ein absolut berührendes und tiefgründiges Gesamtkunstwerk. Auch wenn der Inhalt von "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" denkbar schwer wiegt – eine jüdische Familie, die vor Hitler aus Berlin flieht –, so bleibt die Darstellung immer fließend, leicht und absolut herzerwärmend. Dabei ist es die ungewöhnliche Erzählperspektive, die den Charme des Stückes so bestechend macht: Die neunjährige Anna nimmt das Publikum mit in ihre Gedankenwelt, die die Reise so ganz anders wahrnimmt als die Erwachsenen.

Für die Zuseher eröffnet sich damit eine Geschichte, die das Thema Flucht in unglaublich vielen Facetten erzählt: Da sind natürlich die Sorgen und Ängste von Annas Eltern, die als bedrohliches Grundrauschen durch das Stück wabern. Aber es ist auch eine Erzählung von Abenteuer, großem Heimweh, der Frage nach dem eigenen Zuhause, wer nun die Tiere im Berliner Zoo grüßt, ob es zum Geburtstag Erdbeertorte gibt und wie man neue Freunde findet, wenn man kein Wort französisch spricht. Es ist ein zutiefst menschlicher Einblick in eine Fluchtgeschichte, der unter die Haut geht – und so manchen Blick auf die Dinge ändert.

Sarah Weidinger als Anna, Patrick Cieslik als ihr Bruder Max sowie Ariane Swoboda und Rob Pelzer als ihre Eltern leisten darstellerisch Großes. Absolut bemerkenswert sind auch die vielen Rollen, die Nina Weiss und Daniel Grosse Boymann als "alle anderen" auf die Bühne bringen – sie wechseln nahtlos durch Sprachen und Akzente und bringen dem Stück eine große Lebendigkeit. All das wird flankiert von einer Live-Band, die das Musical zum umfassenden Erlebnis werden lässt. 

Autor Henry Mason und Komponist Thomas Zaufke haben ein großartiges Werk geschaffen, das sich für höhere Weihen empfiehlt - nach dieser erfolgreichen "Tryout"-Produktion steht der offiziellen Uraufführung im Dezember in München nichts im Wege.

- T. Kaltenberger